Zukünftige Marktanforderungen

Zukünftige Marktanforderungen
verlangen schnelle Reaktion

Die J. G. WEISSER SÖHNE Werkzeugmaschinenfabrik GmbH & Co. KG – eines der
wenigen „echten“ Familienunternehmen im Werkzeug-Maschinenbau – gehört zu den
weltweit technologisch führenden Herstellern von Präzisions-Drehmaschinen
und multifunktionalen Drehzentren.

Mit ca. 450 Mitarbeitern entwickelt und produziert das Unternehmen am Standort St. Georgen im Schwarzwald für den Hochleistungseinsatz ausgelegte, präzise Werkzeugmaschinen mit kundenindividuellen Prozesslösungen. Den Leistungsschwerpunkt bildet dabei die Verfahrenskombination mit dem Ziel der Komplettbearbeitung in einem Arbeitsraum oder einer integralen Systemlösung.

Die Zusammenarbeit zwischen WEISSER und MATEC besteht seit über 20 Jahren. Neben der reinen Handelsvertretung für WEISSER ist MATEC mittlerweile auch in den Bereichen Montage, Service und Montage hochpräziser Baugruppen als unterstützender Partner tätig. Seit dem 1. Oktober 2013 ist Thorsten Rettich technischer Geschäftsführer bei WEISSER. Thorsten Rettich ist ein Mitglied einer der Gründerfamilien in nunmehr 6. Generation. Für die MATEC INSIDE sprach Herr Lüdecke von MATEC mit ihm.

Welche produktergänzenden Dienstleistungen werden von Ihnen benötigt? Gibt es „Lücken“ in Ihrer Wertschöpfungskette und durch welche Kompetenzen könnten diese ausgefüllt werden?

Durch unsere fast 160-jährige Tätigkeit im Bereich Metallbearbeitung haben wir dank unserer kundenspezifischen Lösungen sehr viel Erfahrung in den unterschiedlichsten Bereichen aufbauen können. Wir halten jede Art von Engineering-Leistung im Haus vor, die für die Herstellung und Inbetriebnahme notwendig ist. Bei der Umsetzung zum Beispiel im Bereich Automation haben wir Partner gewonnen, die uns dabei unterstützen, die entsprechenden Anlagen aufzubauen. Das Engineering kommt aber zu einem nicht unerheblichen Teil aus unserem Haus.

Welche Produkte umfasst Ihr Leistungsspektrum?

Zu Beginn unserer Tätigkeit haben wir Drehbänke für die Schwarzwälder Uhrenindustrie hergestellt. Das Produktprogramm erweiterte sich dann auf Leit- und Zugspindel-Drehbänke, Fräsmaschinen, Hobler und auch Schleifmaschinen. Anfang der 1950er-Jahre fokussierten wir uns auf Drehautomaten. Heute stellen wir multifunktionale CNC Drehzentren her, die es dem Kunden ermöglichen, durch Integration von anderen Verfahren wie dem Fräsen oder ganz eigener Prozesse wie dem Rotationsdrehen, seine Stückkosten zu reduzieren. Dies verschafft unseren Kunden einen Wettbewerbsvorteil. „…designed to be faster“ bedeutet für uns Schnelligkeit, Genauigkeit und Langlebigkeit. Das sind die Eigenschaften, die unsere Produkte auszeichnen.

Was verstehen Sie unter dem Begriff Automation?

Die Automation ist nicht erst seit heute ein entscheidender Bestandteil der modernen Bearbeitungsmaschine. Die Automation ist ganz erheblich an der Taktzeit, in diesem Fall an der Boden-zu-Boden-Zeit, beteiligt. Auch werden in vielen Fällen weitere Umfänge, wie Messen, SPC-Ausschleusungen, Beschriften oder andere Funktionen in die Automation integriert. Dadurch verändert sich die Bedeutung der Automation von einem reinen Teiletransport hin zu einem integralen Bestandteil der Werkzeugmaschine.

Wie sehen die Wertschöpfungsnetze im Automationsbereich aus?

Aktuell verhalten sich diese Netze klassisch wie ein Supply Chain. Der Unterschied ist jedoch, dass durch Kundenvorschriften die Lieferanten und die zu verwendenden Produkte vorgegeben sind. Dies hemmt die Verwendung von neueren Komponenten teils erheblich und schränkt die Bandbreite der Komponenten beträchtlich ein, die zur Verwendung kommen.

Die Integrationen von Zusatzfunktionen in die Automation erfolgt meistens über andere Lieferanten, die entsprechende Kernkompetenzen etwa im Bereich Messen aufweisen. Die Koordination, Schnittstellenklärung und teilweise das Engineering laufen beim Maschinenhersteller zusammen. Wünschenswert wäre eine Lieferung von mehr Komponenten aus einer Hand, so dass zum Beispiel das Automationsband mit integrierter Präge und Messstation von einem Hersteller geliefert werden könnte. Dies würde die Projektabwicklung, Beschaffung und Inbetriebnahme vereinfachen. Auch das wird teilweise durch Kundenvorschriften verhindert.

Welches sind die relevanten Zulieferer für diesen Wirtschaftszweig?

Das ist auftrags- und kundenabhängig.

Wo lassen sich Potenziale für neue Geschäftsprozesse sowie für Kooperationen und Investitionen erkennen und realisieren?

WEISSER bietet seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, neue Ideen und Entwicklungen in bestehende Prozesse zu implementieren.

Denn Innovation verlangt nicht nur kreative Menschen, sondern auch eine Kultur, die es erlaubt, bestehende Potenziale zu aktivieren und zu nutzen. Daher werden auch En­­ginee­ring-Mitarbeiter ausführlich über aktuelle Projekte und Entwicklungen für die Automobil- bzw. Automotivebranche und andere Indus­trie­zweige informiert. Ein solches Informa­tionsportal ermöglicht Impulse, die in ihrer Gesamtwirkung zu herausragenden Leis­tungen führen. Gegenwärtige und zukünftige Marktanforderungen verlangen schnellere Reaktionszeiten der Unternehmens­­­organi­sation. Daher analysiert WEISSER frühzeitig relevante Trends und passt seine innovative Entwicklungsarbeit den geänderten Be­­dingungen an.

Nach unserer Einschätzung werden sich in der Automobilbranche neue Geschäftsfelder weiterhin überdurchschnittlich stark entwickeln, allerdings mit einer Schwerpunkt­verlagerung hin zur Hybridtechnologie. Dabei wird die Kombination der beiden Energie­wandler Elektromotor und Otto- bzw. Diesel­motor überwiegen. Da laut einer Presse­information von BOSCH „bis 2050 mit einer Verdoppelung des weltweiten Fahrzeug­bestandes“ zu rechnen ist, wird in dieser Branche der Automotive-Bedarf an Kompo­nenten weiterhin deutlich wachsen. WEISSER hat sich auf diese Zukunfts­entwick­­lung sehr gut vorbereitet und kann bereits auf Maschi­nen­lieferungen mit Prozesstechno­logien für Elektromobilitäts-Komponenten zurückgreifen und Lösungs­pakete dafür bereitstellen (Appli­

ka­­tionen, z. B. Gehäuse Hybrid-Elektromotor, Rotorwelle, Statorwelle). Im Zuge der Redu­zie­rung des Fahrzeugge­wichts werden auch zunehmend neue Werk­stoffe in diese Branche Einzug finden, so Komponenten aus Kunst- und Faserver­­bund­stoffen (z. B. Karbon). Auch hier kann WEISSER bereits Aufträge mit spezifischen Technologielösungen verzeichnen. Ein bedeutender Anteil der Entwicklungs­ressourcen bei WEISSER wird sich zukünftig auch an den Geschäftsfeldern Windkraftan­lagen, Nutzfahr­zeuge und der Aerospace-Industrie orientieren.

Was bedeutet das für die internationale Ausrichtung?

Die zunehmend fortschreitende Internationa­lisierung macht Kooperationen und Investiti­o­nen in Nordamerika und Asien erforderlich. Der asiatische Markt wird insbesondere von China, Korea und Indien dominiert. Forciert wird dieser Trend sowohl durch Marktfak­toren wie lokale Kundenanforderungen, die Reduktion von Lieferzeiten als auch durch Kostenfaktoren. Der geschäftliche Erfolg erfordert in diesen Ländern die Nähe zu Kunden, zu Informationen und Wissen, zu Partnern und den Mitarbeitern.
WEISSER ist darauf vorbereitet. Der Grün­dungsprozess für ein Serviceportal in China ist bereits abgeschlossen. Der gezielte Aufbau vor Ort befindet sich in der Strukturierungs­phase. Kooperationen mit Vertriebspartnern funktionieren bereits seit längerer Zeit reibungslos. In den USA, Indien und Korea bestehen Kooperationen mit Vertriebs­part­nern, die auch Serviceleistungen bieten. In den USA und Brasilien gibt es Lizenz­ver­einbarungen für die Herstellung spezieller WEISSER-Maschinen­modelle. Die individuell spezifizierten Tech­nologiemodule werden im Stammwerk entwickelt, hergestellt und montagefertig an die Lizenzpartner geliefert. Wei­te­­re Inves­titionen sind geplant.

Welche Kennzahlen sehen Sie innerhalb Ihres Unternehmens als wichtigstes Werk­zeug?

Die Einhaltung des Liefertermins ist von entscheidender Bedeutung, da sich dies direkt auf die Kundenzufriedenheit und die Planun­gen beim Kunden auswirkt. Hier gilt es, entsprechende Regelungs- und Steuerungs­me­cha­nismen zu nutzen. Die Liefertreue wirkt sich direkt auf den Cash-Flow aus, der im Rahmen der Liquiditäts­be­trachtung für das Unter­nehmen ganz entscheidend ist. Eine ausreichende Umsatzrendite ist für die Weiter­entwicklung der Produkte und des Unter­nehmens sowie für Investitionen essenziell, denn: „Ohne Moos – nix los!“ Das heißt, wir müssen stets darauf achten, eine angepasste Umsatzrendite zu erzielen, ansonsten kann das Unternehmen langfristig nicht überleben. Des Weiteren ist für uns das Dreieck Qualität – Termin – Kosten ein wichtiges Steuerungs­element, da sich damit die laufenden Prozesse entsprechend bewerten und regeln lassen.

Wie sehen Sie den Faktor Mensch, Zielver­einbarungen und stabile Prozesse innerhalb Ihres Unternehmens und speziell in der Automation?

Wir leben in einer vernetzten Welt und so geht es uns auch im Arbeitsleben. Es ist wichtig, über den Tellerrand hinauszuschauen und sich Gedanken dazu zu machen, wie ich meine Arbeit erledigen kann, damit die nachfolgenden Abteilungen oder die Kunden möglichst wenig Arbeit damit haben. Die Men­­­schen sind generell besser gebildet und mündiger. Es ist wichtig, die Mitarbeiter zu informieren, Verständnis zu erzeugen und sie in Entschei­dungen mit einzubinden. Die heutigen Themen sind sehr komplex – der Ge­­schäftsführer alleine kann das nicht mehr überblicken. Es ist daher wichtig, dass das summative Wissen im Unternehmen genutzt wird, um Entschei­dungen nachhaltig treffen zu können.

Wie sehen Sie das Thema Wandel und Nachhaltigkeit als Treiber für Ihre Branche?

Unter Nachhaltigkeit verstehen wir in erster Linie die Energieeffizienz von Werkzeugma­schinen. Diese ist heute und auch in der Zukunft essenziell und wird bei WEISSER längst umgesetzt. Stark gestiegene Energie­preise fordern von der verarbeitenden Industrie neue Wege im Hinblick auf Energieeffizienz bei Maschinen und Anlagen. In der Diskussion über den Energieverbrauch, nachhaltige Energieversorgung und den Abbau von Treibhausgasen gewinnt der konsequente Einsatz neuer Technologien eine immer größere Bedeutung. Diesen Kriterien begegnet WEISSER mit einem innovativen Meilenstein, dem visionären greenplus-Konzept, welches 2009 vorgestellt wurde. Allen voran bietet das Unternehmen hinsichtlich der energieeffizienten Werkstückzerspanung ein überlegenes Portfolio an Features, die den Faktor „energy per piece“ auf ein Minimum reduzieren und dadurch erhebliche Ressourcen gewinnbringend mobilisieren.

Zur aktuellen Entwicklung von WEISSER in dieser Disziplin zählt die E-MACHINE, als weltweit erste voll-elektrische Präzisions-Drehmaschine zum Unrund-Drehen. Die WEISSER E-MACHINE wurde auf der EMO 2013 mit dem MM-Award prämiert. Die Be­­sonderheit dieses innovativen Maschinen­­kon­­zepts basiert auf der Tatsache, dass diese Werkzeugmaschine ganz ohne Einsatz von Hydraulik und pneumatischer Aktuato­ren auskommt. Der Nutzen: Elektrische Energie lässt sich völlig sensibel dosieren, der Energie­verbrauch signifikant reduzieren.

Neue Herausforderungen für die Unterneh­men heißt stetige Anpassung an die aktuellen Anforderungen. Wie stellen Sie sich darauf ein? Warum ist ein Strategieprozess für Ihr Unternehmen besonders wichtig?

Unternehmen können wie ein Lebewesen betrachtet werden. Ein Lebewesen ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass es sich in einem Lebensraum bewegt und zur Evolution fähig ist. Lebewesen, die nicht zur Evolution fähig sind, sterben aus. So ähnlich stellt es sich mit Unternehmen dar. Das Unter­nehmen muss sich weiterentwickeln und darf nicht stehenbleiben. Diese Entwicklung beschränkt sich aber nicht nur auf die Pro­dukte, sondern auch auf die Mitarbeiter. Auch hier muss eine permanente Anpassung an die sich im Lebens- oder Wirtschaftsraum ständig wandelnden Bedingungen erfolgen. Dieser Prozess wird bei uns im Unternehmen gezielt entwickelt und vorangetrieben.

Von der Anlage zur konkreten Strategie – nutzen Sie KPI (Key Performance Indicators) für den Strategieprozess?

Für unseren internen Strategieprozess verwenden wir hauseigene Indikatoren, basierend auf unserem QM-System. Es bestehen zu den vorgeschlagenen KPIs gewisse Über­einstimmungen. Viele dieser Faktoren kommen jedoch aus der Fertigungs- bzw. Produk­­­tionssteuerung und werden daher von un­­­­­­se­ren Kunden für die bei uns beschafften Maschinen angewendet. Wir verwenden ­diese Indikatoren hauptsächlich als Argu­menta­tionen für unsere Produkte in der Be­­schaffungs­phase der Projekte.

Was ist Zuverlässigkeit? Wie ermitteln Sie das Risiko und Ausfallhäufigkeit Ihrer Anlagen?

Zuverlässigkeit und Dauergenauigkeit sind zwei wichtige Eigenschaften einer WEISSER-Drehmaschine. Wir arbeiten nach dem Prinzip „Mechanisch Null“. Das bedeutet, dass wir die Maschine mechanisch so genau wie mög­­lich einstellen. „Null“ ist dabei selbstverständlich nicht möglich, aber wir legen ein besonderes Augenmerk auf die Montage der Spin­del, der Führungen und der Antriebe. Dies hat zur Folge, dass nur sehr wenig elektronisch kompensiert werden muss, die Ma­schi­ne hat einen sehr ruhigen, homogenen Be­­trieb. Damit ist sichergestellt, dass möglichst wenige Ausgleichsbewegungen der Achsen stattfinden und so eine homogene Bewegung möglich ist. Damit verbunden sind eine geringere Wärmeentwicklung und weniger Ver­schleiß. Genauigkeitsrelevante Kom­ponenten werden bei uns im Haus gefertigt.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Markt­situation in Russland?

WEISSER kann bereits auf viele nach Russ­land gelieferte Drehmaschinen und auf einen Referenzlistenauszug mit einer Viel­zahl be­­kannter Marken zurückblicken. Die Ge­­schäfts­beziehungen zu Kunden in diesem Markt sind beständig und reibungslos. Vor dem Hinter­grund der Sanktionen gegen Russland entstanden allerdings deutliche Auswirkungen auf die Geschäftsaktivitäten.

Der Investitionsgütermarkt befindet sich derzeit in einer Warteposition. Wir hoffen, dass eine weitere Entspannung der Konfliktsituati­on zunehmend eintritt, was in absehbarer Zeit den Dialog zu russischen Kunden verbessern und die Geschäftsbeziehungen nach Russland beleben dürfte. Die Expansion auf dem russischen Markt erfordert allerdings eine durchdachte Strategie, viel Professionalität und bringt bezüglich der Marktmechanismen größere Herausforderungen mit sich. Dieser Markt erfordert aktives Handeln, um eine ge­­zielte geschäftliche Entwicklung voranzutreiben.

MATEC. Ideen mit System.