Der Weg in die Zukunft

Der Weg in die Zukunft

Ein Gespräch mit Jens Irrgang, Technischer Leiter der MATEC SERVICES GmbH Braunschweig, über Maschinenbau für Automatisierungsanlagen und Industrie 4.0.

Herr Irrgang, was ist der Trend in der Branche für Montage, Transportsysteme und Auto­mationsanlagen?

Jens Irrgang: Trends und Branchentendenzen sind unsere tägliche Aufgabe und mehr als eine Herausforderung. Als Systemdienstleister für die industrielle Produktion steht für uns seit einigen Jahren besonders die Automati­sie­rungs­technik im Mittelpunkt. Der demo­grafische Wandel sorgt in Deutschland und Nord­europa für einen Fachkräftemangel, der in großen Unternehmen mittels Automation und Handlingstationen aufgefangen werden soll.

Was bedeutet das für einen Dienstleister wie MATEC?

Jens Irrgang: Seit Jahrzehnten vertrauen uns nahezu alle namhaften Unternehmen der Automobil- und Automationsbranche: Zu unseren Kunden zählen Größen der Branche ­und Marktführer wie KUKA, ABB, ThyssenKrupp, ATW und ATS, welche wiederum bei allen OEM (VW, Volvo, Jaguar, Daimler, BMW, Porsche) ihre Anlagen aufbauen und in Betrieb nehmen – und dabei in unterschiedlicher Art und Weise auf unsere Leistungen zurückgreifen.

Mit unserem Netzwerk können wir hier ­nahezu jeden Bedarf abdecken. Vor allem ­arbeiten wir innovativ mit modernster Technik, vom Anriss mittels Lasertechnik bis zur I­n­be­trieb­­nahme mit Spezialisten, die auf alle Steuerungen ausgebildet sind.

Weshalb hat der Ausbau der Automation Ihrer Meinung nach in der industriellen Fertigung einen derart hohen Stellenwert?

Jens Irrgang: VW spielt hier, denke ich, mit seinen Projekten MQB und MEB eine wichtige Vorreiterrolle. Denn dort hat man durch die Modulbaukästen viele Maschinen eingespart. Allerdings müssen und können die heutigen Systeme eine hohe Variantenvielfalt leisten.

Unsere Kunden wiederum bieten viele gute Lösungen mit einem hohen flexiblen Auto­ma­tions­anteil. Zum einen ermöglicht die Bauweise modulare und damit investitionssichere Maschinenlösungen, zum anderen konnten wir mit unseren Kunden auch viele Umbauten an Fertigungsstraßen realisieren – eben weil diese schnell und zu jedem belie­bigen Zeitpunkt ergänzt oder verändert werden können.

Weshalb greifen große Konzerne auf Dienst­leister wie MATEC zurück?

Jens Irrgang: Eben weil wir mit unserer flachen Unternehmenshierarchie unkompliziert, schnell und flexibel auf jede Personalsituation bei der Abwicklung reagieren können. Und weil wir innovativ sind und versuchen, jeden unserer Kunden mit System voranzubringen. So haben wir etwa in der Nähe von Stuttgart bei einem großen Sportwagenhersteller, einem Konzernkunden, erstmals eine große Baustelle per Laser ausgemessen und einen Höhenplot geliefert, den der Kunde vorher nicht kannte.

Ein interessantes Beispiel – gibt es noch weitere zum Thema Automation, jenseits von Vorort-Baustellen beim (End)Kunden?

Jens Irrgang: Wir bieten unseren Kunden auch ergänzend zu den Vorort-Baustellen unsere Baugruppen sowie Vormontagen in Kassel an, denn auch bei unseren Kunden hat sich viel getan. Besonders einer von ihnen – für mich Vorreiter moderner Arbeitsmethoden und flexibler Arbeitszeiten – lebt vor, wo die Reise hingeht: Er kauft alle Leistungen unterhalb der Projektleiterebene ein, hat selbst ­keinen festen Standort. Deshalb ist unser Know-how für einzelne komplizierte Handlingzellen das ideale Angebot für ihn. Ein weiterer Kunde lässt hin und wieder einzelne Bänder an unserem Standort vormontieren, weil seine Endkunden nicht genug Platz und Zeit auf der Baustelle einräumen können. Und aus solchen erst kleinen entstehen später oft auch große Projekte.

Was verstehen Sie unter„großen Projekten“?

Jens Irrgang: Bezogen auf die Mitarbeiterzahl ist das einfach zu beantworten: Bei unserem bisher größten Automationsprojekt waren 120 Leute im Einsatz. Von der Komplexität her ist das schwieriger: Wir starten bei unserem Kunden – oder eben bei uns – mit der Vormontage einzelner Stationen, die wir beim Kunden abbauen, zum Endkunden transportieren und dort wieder aufbauen. Mittlerweile nehmen wir auch komplette Fertigungs- und Montagelinien eigenständig in Betrieb. Kurz und knapp liefern wir unseren Kunden den kompletten Montage-, Transport-, Installations- und Inbetriebnahme-Prozess.

Warum verwenden Sie hier den Begriff „Prozess“ statt „Projekt“?

Jens Irrgang: Ein Prozess ist für uns die Weiterentwicklung eines Projekts. In einem Prozess wird stets jede einzelne Leistung, jeder einzelne Schritt hinterfragt: War das Vorgehen effektiv oder kann man es noch effektiver gestalten? Sind Probleme aufgetreten und wie kann man sie beim nächsten Mal vermeiden? Bereits im Anfragestatus können wir unsere Kunden mit unserer gesammelten Erfahrung beraten – und unsere „Ideen mit System“ zu seinem Nutzen einbringen.

Bei großen DAX-notierten Unternehmen, die uns bereits vor Angebotsabgabe in ihre Arbeitsprozesse einbinden, ist MATEC mitverantwortlich, den Auftrag unseres meist gemeinsamen OEM-Kunden zu gewinnen.

Zum Thema „Probleme“: Wie gehen Sie damit um?

Jens Irrgang: Gute Frage – für den Vertrieb ist es einfach: Da machen wir keine Fehler und haben keine Probleme. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, dass das nicht stimmt, im Privatleben genauso wie im besten Abwicklungsprozess. Wichtig ist für mich nur, wie wir damit umgehen. Gerade in meiner Anfangszeit als technischer Leiter bei MATEC hatte ich den Eindruck, dass meine Kollegen Angst hatten, Fehler oder Probleme einzugestehen – was mir den Einstieg teils sehr schwer gemacht hat. Inzwischen ­wissen die meisten, dass sie mit jedem Anliegen zu mir bzw. zu uns kommen können und wir gemeinsam eine Lösung erarbeiten. Auch davon profitiert unser Kunde, denn so ­werden Schwierigkeiten früher erkannt, zeitnah besprochen und behoben.

Sind Sie von aktuellen Themen wie Digitali­sierung, Industrie 4.0 und Fachkräftemangel betroffen?

Jens Irrgang: Sicher. Aktuell gilt das zum Beispiel für unseren Standort in Kassel und ein gerade 2014 neu gebautes Objekt: Hier ist das vorhandene Netz zu langsam. Wir benötigen dringend schnelleres Glasfasernetz. Das haben wir bereits veranlasst, um die Daten unserer Kunden bei aufwendigeren Baugruppen-Montageprojekten aufbereiten oder überhaupt verarbeiten zu können.

Digitalisierung und Industrie 4.0 sind Voraus­setzung für einen boomenden Auto­ma­tionsmarkt. Deutschland profitiert in ­meinen Augen maximal von Automatisierung und Digitalisierung, der Ausbau sichert unseren Industrie­standort langfristig. Viele Menschen fürchten den „Roboter“ als Arbeits­platz­ver­nichter. Aber ehrlich: Eigentlich möchte niemand den ganzen Tag im Minuten- oder gar Sekundentakt monoton Teil für Teil von einer Palette heben und in eine Baugruppe schrauben. Geringqualifizierte Jobs werden sicher ersetzt, doch unser Bestreben sollte bessere Bildung und Ausbildung für bessere, letztendlich erfüllendere Jobs sein. Das ist auch nötig, weil durch den demografischen Wandel immer weniger junge Menschen ins Berufsleben nachkommen – wir können es uns gar nicht leisten, ihre Leistung für einfache Fließbandarbeiten zu verschwenden. Und gleichzeitig muss die ältere Generation umdenken und Neues lernen.

Auch wir bei MATEC brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, die bereit sind zu reisen und Neues zu erleben. Unsere Kollegen auf Montage haben sicher einen anstrengenden Arbeitsplatz gewählt, aber eben auch ein sehr abwechslungsreiches Leben. Manche haben schon auf allen Kontinenten gearbeitet und so ungeheures Wissen angesammelt, das sie gern auch an junge Fachkräfte weitergeben möchten. Leider verlaufen sich nur wenige junge Menschen zu MATEC in Deutschland – trotz großer Anstrengungen in der Mit­arbeiter­gewinnung. Das ist bei unserem slowa­kischen Partner anders: Dort ­bewerben sich oft junge Leute, die reisen ­wollen und nun auf unseren großen Baustellen im Automationsaufbau arbeiten.

Welche Themen sind derzeit bei MATEC aktuell?

Jens Irrgang: Stillstand bedeutet für uns Rückschritt – auf Veränderungen hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof stehen und auf ein Schiff warten. Deshalb arbeiten wir mit der kompletten MATEC-Gruppe an modernen, modularen und innovativen Lösungen, die unseren Kunden maximale Flexibilität bieten – und sich bestens in Lean-Management-Prozesse integrieren lassen. Unter dem Leitsatz „MATEC – Ihr Systemdienstleister“ sind wir da, wo unsere Kunden uns brauchen. So wollen wir auch unsere ­internationale Serviceorientierung mit System weiter aus­bauen. Den ersten Schritt haben wir im November 2019 in Košice/Slowakei getan und dort unseren Standort gemeinsam mit unserem langjährigen Partner MSK Eurotec eröffnet.

Weiterhin werden wir im Büro wie auf den Baustellen daran arbeiten, alles zu vereinfachen und zu automatisieren. Derzeit nutzen wir intensiv unsere für 50.000 Euro angeschaffte neue EDV-Technik, um Prozesse systematisch zu verbessern – von der exakten Zeiterfassung bis zum vereinfachten Rechnungsschreiben. Unser Angebotsprozess wurde bereits vollständig auf papierlos, digital und damit – im Jahr 2020 nicht zu vergessen – ökologisch umgestellt.

2020 wird auch, aber nicht nur wegen Corona, für alle Unternehmen in der automotiven Welt ein schweres Jahr, weshalb wir es für uns zum Schulungsjahr erklärt haben. Denn wir wollen gestärkt aus der kommenden Krise hervorgehen.

MATEC. Ideen mit System.